Zur Geschichte des Simon-Juda-Marktes
Am Anfang war der Markt
Als Bischof Adolph von Münster, gleichzeitig kirchlicher und weltlicher Fürst, am 13. Dezember 1362 gegenüber seinen getreuen Werner Untertanen das Marktrecht „tho sente symon unde juden“ bestätigte, bestand der Simon-Juda-Markt wahrscheinlich schon eine ganze Reihe von Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Immerhin geht aus der sorgsam gehüteten Urkunde hervor, dass es sich um die „kermisse“ handelt, „die da („in Werne“) zu sein pflegt“ . . . Angesichts dieser Aussage wurden allerdings nie Spekulationen über das wahre Alter der „Sim-Jü-Kirmes“ angestellt, stattdessen wurde das Datum der bischöflichen (Bestätigungs-)Urkunde von 1362 ein für allemal als das Gründungsdatum festgeschrieben. Demnach wurde im Jahre 1962 besonders festlich das 600. und 1987 das 625. Sim-Jü-Jubiläum begangen. Gleichzeitig gilt die Marktrechtsurkunde von 1362 seit je her als Beleg für Wernes Stadtwerdung. Infolgedessen steht das nächste Jubiläum im Jahre 2012 an, wenn sowohl Sim-Jü als auch die Stadt ihren 650. Geburtstag feiern können.
Im Gegensatz zu vielen aus einer Kirchweihe heraus entstandenen Volksfesten stand an der Wiege der heutigen Sim-Jü-Kirmes – ähnlich wie beim Bremer Freimarkt – zweifelsohne ein Freimarkt mit all seinen Rechten und Pflichten für die Bürger der Stadt. Dieser Markt ermöglichte einmal jährlich im Herbst auch auswärtigen Händlern, innerhalb der Werner Stadtmauern ihre Waren feil zu bieten. Im Gefolge der Händler befanden sich schon bald „Fahrende Leute“, Vertreter des frühen Unterhaltungs- und Belustigungsgewerbes wie Puppenspieler, Bänkelsänger, Gaukler, Taschenspieler und Akrobaten. Diese nutzten Menschenansammlungen wie beim Simon-Juda-Markt zur Darbietung ihrer Künste und Späße. Darüber hinaus wurden auch Tiere aus aller Herren Ländern sowie Abnormitäten und andere sogenannte „Weltwunder“ präsentiert. Des Weiteren dürften im Laufe der Zeit viele wandernde „Ärzte“ und allerlei Quacksalber ihre Heilkünste vorgeführt haben.
Von besonderer Bedeutung für den Simon-Juda-Markt war im Jahre 1608 die Angliederung des in Werne seit 1587 jeweils zu Michaelis durchgeführten Viehmarktes. Durch dieses zusätzliche Attribut wurde der damals bereits auf eine 250-jährige Tradition aufbauende Simon-Juda-Markt zusätzlich gestärkt. Um 1870 zählte der Simon-Juda-Markt zu den bedeutendsten Umschlagplätzen für Rinder in ganz Westdeutschland.
Schaukeln und Karussells
Die ersten Schaukeln und Karussells, die zunächst noch von starken Männern in Bewegung gebracht wurden, tauchten ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Vergnügungsteil des Simon-Juda-Marktes auf. Im Laufe der Zeit erschienen dann Menagerien, Zirkusse, Hippodrome, Panoramen, Museen und schließlich, um 1900, die „hochmodernen“ Kinematographen-Theater, die als Vorläufer der späteren Kinos die Werner in schieres Staunen versetzt haben dürften.
Dank der Erfindung der Dampfmaschine schritt schon bald die Entwicklung des Vergnügungsteils der Jahrmärkte immer schneller voran. Von der Berg- und Talbahn über die ersten Autobahn-Karussells bis hin zum Elektroselbstfahrer, dem heutigen Auto-Skooter, und schließlich zu den Blitz-, Schnell-, Weltraum- und Raketenbahnen der 1920er und -30er Jahre war es nicht mehr weit.
Neue Wege
Mit der immer schneller voranschreitenden industriellen Entwicklung und der damit verbundenen Veränderung des Absatzes landwirtschaftlicher Produkte, insbesondere der Verlagerung des Handels auf stationäre Versteigerungs- und Markthallen der Großstädte, gerieten die Viehmärkte alter Prägung mehr und mehr ins Hintertreffen. Wernes Stadtväter erkannten diese Entwicklung rechtzeitig. Mit nachlassender Anziehungskraft des Sim-Jü-Viehmarktes wurde bereits zu Beginn der 1930er Jahre der Kirmesbetrieb planmäßig vergrößert und attraktiver gestaltet. Zusätzlich wurden jetzt auf Sim-Jü Gebrauchsgegenstände mit angeboten, die auf den bäuerlichen Bedarf abgestimmt waren. Dadurch konnten die alten Besucherschichten gehalten und gleichzeitig neue hinzugewonnen werden. Die starke traditionelle Bindung der Bevölkerung an Sim-Jü wurde insbesondere in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs deutlich, in denen Kirmes und Markt praktisch ausfielen. Damals hielt insbesondere die Landbevölkerung aus dem Umkreis der Lippestadt am alten Brauch fest, sich zu Sim-Jü mit den Werner Bürgern in den vertrauten Gaststätten zu treffen.
1948 erhielt Sim-Jü neuen Auftrieb durch die Angliederung eines Landmaschinenmarktes, der sich zunächst gut entwickelte und dem Fest seine einstige wirtschaftliche Bedeutung zurückgab. Als 1958 der arbeitsfreie Samstag bei fast allen Betrieben eingeführt war, wurde das bislang an drei Tagen stattfindende Volksfest durch Hinzunahme des Samstags auf vier Tage (samstags bis dienstags) ausgedehnt. Geprägt wurde Sim-Jü damals von den mächtigen Holzachterbahnen der Schausteller Hartkopf, Haase und Gropengießer, die trotz der relativ kurzen Spieldauer immer wieder in Werne aufgebaut wurden.
Tradition wird groß geschrieben
1962 wurde im großen Stil das 600-jährige Bestehen des Simon-Juda-Marktes und der Stadt Werne gefeiert. Nur wenige Jahre später, zum Ende der 1960-er Jahre, ließ das Interesse an Sim-Jü deutlich nach, so dass der Stern des erfolgreichen Volksfestes zu verblassen drohte. Einem im Hintergrund agierenden Schausteller-Freundeskreis ist es zu verdanken, dass schon zu Beginn der 1970-er Jahre das Sim-Jü-Interesse der Kaufleute, der Bürger und der Verwaltung erneut geweckt wurde. In den Folgejahren wurde Sim-Jü systematisch zum „größten Volksfest an der Lippe ausgebaut“. Immer neue Attraktionen sorgten dafür, dass die Anziehungskraft der Veranstaltung von Jahr zu Jahr weiter stieg. Gleichzeitig wurde darauf geachtet, dass die gewachsenen Traditionen, die immer noch das besondere Flair von Sim-Jü ausmachen, sorgfältig gepflegt wurden.
Zum 625-jährigen Jubiläum im Jahre 1987 präsentierte sich der Volksfest-Veteran mit dem ungewöhnlichen Namen, der übrigens gesetzlich geschützt ist, in allerbester Verfassung. Seither konnte sich Sim-Jü als das größte und wohl auch schönste Volksfest an der Lippe, mit bis zu 400.000 Besuchern jährlich, behaupten.
Bis heute setzen die Verantwortlichen Jahr für Jahr erneut auf einen bekannten, bewährten und beliebten Kern von Schaustellerunternehmen, die nicht selten seit mehr als 50 Jahren zu den Stammbeschickern zählen. Hinzu kommen jährlich im Wechsel neue, attraktive Schaustellergeschäfte, so dass sich stets eine gesunde Mischung aus althergebrachtem und neuem ergibt, die den besonderen Reiz der heutigen Sim-Jü-Kirmes ausmacht.
Wernes Sim-Jü ist mit all ihren besonderen Attributen eine Kirmes, die immer noch so gefeiert wird, wie dies seit alters her Sitte und Brauch ist . . . nur, dass heute alles viel größer und bunter ist als damals.